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Christoph Dohr

aktualisiert
Dienstag, 10.09.2019 9:40

I045

1875 | Tafelklavier Schiedmayer & Soehne (Stuttgart) # 9688: kreuzsaitiger Bezug

Signatur auf Vorstecker: Schiedmayer & Soehne, Stuttgart; Serien-Nummer vorne links: 9633 od. 9688 (schwer lesbar, da überklebt); Typ-Nummer groß Innenseite linke Wand, zudem u.a. auf Oberkante Vorstecker und auf Mechanik: E59; keine separate Mechanik-Nummer aufzufinden.

  • Länge: 2020 mm
  • Breite:  910 mm
  • Korpushöhe (ohne Deckel):  340 mm
  • Gesamthöhe (inkl. Deckel): 925 mm
  • Untertasten 142 mm sichtbare Länge, Belag Elfenbein (stark abgespielt)
  • Obertasten 87 mm Länge, Ebenholz
  • im äußersten Diskant und Bass jeweils etwas geringere sichtbare Länge durch leicht geschwungenen Vorstecker
  • Stichmaß: 488 mm
  • Umfang: A2 – a4 = 7 Oktaven

Mechanik: englische Stoßzungen-Mechanik mit einfacher Auslösung; Hammerköpfe befilzt, ab es zudem lederüberzogen.

Veränderungen:  Lyra mit einem Pedal: Dämpfungsaufhebung

kreuzsaitiger Bezug:

  • A2 bis FIS1 parallel- und leicht schrägsaitig
  • G1 bis a4 strahlenförmig und stark schrägsaitig
  • Stahl mit Messing umsponnen einchörig von A2 bis D1
  • Stahl mit Messing umsponnen zweichörig von D1 bis FIS1
  • Stahl zweichörig blank von G1 bis a4

gusseiserner Rahmen mit aufwändigem Zierrat (Traube und Weinlaub links oben; rechts mit umkränztem Doppel-Initial "SS", siehe Foto) in den statisch nicht beanspruchten Bereichen, mit zwei Spreizen: (1) vor der ersten Basssaite (2) zwischen cis3 und d3 im Diskant; Kapodaster im hohen Diskant (d3-a4); klein dimensionierte Dämpfung (A2 bis b2) mit zusätzlichen kreispunktförmigen Trabanten-Oberdämpfern im tiefen Bass (A2 bis FIS1); ab h2 ist die Diskant-Spreize der Dämpfung im Weg (dadurch ist das Instrument bereits relativ früh ungedämpft), im obersten Diskant schließlich Dämpfung unüblich.

Mensur: (in Klammern zum Vergleich die Werte des gleichalten, nicht-kreuzsaitig bezogenen Schiedmayerschen Instrumentes der Sammlung Dohr):

  • C1 = 1645 (1620) mm
  • F1 = 1550 (1540) mm
  • C = 1405(1395) mm
  • F = 1295 (1245) mm
  • c = 1085 (1110) mm
  • f = 875 (892) mm
  • c1= 615 (600) mm
  • f1 = 475 (450) mm
  • c2 = 320 (300) mm
  • f2 = 245 (235) mm
  • c3 = 165 (150) mm
  • f3 = 135 (130) mm
  • c4 = 90 (90) mm
  • f4 = 70 (70) mm

Zur Mensur: Der direkte Vergleich zweier zeitgleich von der Fa. Schiedmayer & Soehne angebotener Tafelklaviere ermöglicht die Auswirkungen des kreuzsaitigen Bezugs - zumindest für den Klavierbausektor "Tafelklavier" - genau zu dokumentieren: (1) Die etwas längeren Saiten im Tiefbass werden durch die größere Instrumentenbreite ermöglicht: Das Instrument wächst um 70 mm in die Breite; durch das Nicht-Ausnutzen der Diagonale ist ein Saitenlängenwachstum von lediglich 20 mm möglich. (2) Der Mensurverlauf nach dem Wechsel (zur Information: G = 1350 mm) zeigt eine deutlich andere Charakteristik, der jedoch nur zu einem kleinen Teil auf die Kreuzsaitigkeit zurückzuführen ist. Während die Mensur in der kleinen Oktave kürzer ist, weisen die ein- bis dreigestrichene Oktave durchweg größere Saitenlängen auf. Erst in der viergestrichenen Oktave sind die Mensuren beider Schiedmayerscher Tafelklaviere identisch. (3) Der Tiefbass erhält nun einen eigenen Klangsteg. Der Resonanzboden ist jedoch im Bereich des Klangstegs gänzlich durch die Gussplatte abgedeckt, der Instrumentenboden zudem geschlossen. Eine Klangabstrahlung ist evtl. durch den Resonanzbodenbereich, der sich hinten rechts im Instrument unterhalb der dort durch die filigranen Verzierungen stark durchbrochenen Gussplatte befindet, möglich.

Zustand: weitgehend original erhalten, wahrscheinlich originaler Saitenbezug mit alten Wirbeln, eingeschränkt spielbar, Mechanik komplett erhalten (mehrere ersetzte bzw. geleimte Hammerstiele), aber dereguliert; Wasserschaden rechts im Instrument; Furnier des Korpus (Palisander?) schwer in Mitleidenschaft gezogen (Kriegs- bzw. Besatzerschaden); Instrument ohne statische Probleme, stimmbar; drei Dämpfer im Tiefbass fehlen.

Kurzcharakteristik: ein original und vollständig erhaltenes, großes Tafelklavier (mit der Stellfläche eines Salonflügels) der renommierten Stuttgarter Marke Schiedmayer & Soehne aus dem goldenen Herbst des Tafelklaviers; der im Flügelbau konstruktiv sinnvolle kreuzsaitige Bezug setzte sich im deutschen Tafelklavierbau nicht durch; einfach gestaltetes, horizontal geteiltes, klappbares Notenpult; einfaches Furnier; vier achteckige, balusterförmige Beine mit Rollen.

Diskussion: "Der Meister Richard Lipp hatte unerklärlicherweise ein Piano mit durchkreutzten Saiten ausgestellt, für welche sogenannte Verbesserung wir übrigens Amerika keinen Dank sagen brauchen, weil sie durchaus keinen Wert hat, wie denn der eben genannte Meister durch sein ausgestelltes Piano mit sich kreuzenden Saiten für unsere (...) ausgesprochene Ansicht den Beweis selbst geliefert, indem ein anderes seiner Pianos mit gewöhnlicher Saitenlage zu billigerem Preise nicht nur dieselbe Tonstärke wie das mit gekreuzten Saiten hatte, sondern dasselbe in gleichmäßiger Tonschönheit sogar übertraf, dadurch also klar den unzweckmäßigen Ueberfluß der fraglichen Neuerung außer Zweifel setzte."[1] [mitgeteilt von Stefan Schafft; Antwort von Alexander Langer (Klagenfurt):] "Der hier zitierte Artikel bezieht sich ja ganz konkret auf Tafelklaviere. Durch die konstruktiven Gegebenheiten bei dieser Instrumentenform glaube ich nicht, dass durch eine kreuzsaitige Bauweise nennenswerte klangliche Verbesserungen zu erzielen sind. Es gibt aber immer wieder in der Literatur Hinweise, dass geradsaitige Flügel nicht schlechter waren als die (ersten?) kreuzsaitigen! z. B. (1) Ausstellungsbericht zur Welt-Ausstellung in Paris 1867: >Manche der Ideen, welche jetzt STEINWAY siegreich weiterführt, waren ursprünglich das Eigenthum CHICKERING'S, den man als eigentlichen Begründer der Clavierfabrikation in Nordamerika ansehen kann. Er hat zuerst in Nordamerika das (jetzt von ihm wieder verlassene) kreuzsaitige System eingeführt.< oder (2) >österreichische Clavierfabrikation [...] J. B. STREICHER hatte nur einen Flügel ausgestellt, aber es war der schönste, der vielleicht je aus den Händen dieses Altmeisters hervorgegangen. [...] Das STEINWAY'sche System der gekreuzten Saiten ist in diesem Flügel angewendet; dass es die Vortrefflichkeit des letzteren erkläre, können wir aber nicht behaupten, da wir in neuester Zeit geradsaitige Claviere von STREICHER gesehen, die seinem Ausstellungs-Instrumente an Ton kaum nachstanden.<"

Provenienz: Schenkung 200x im unrestaurierten, ruinösen Zustand über ebay Deutschland im Siegen-Wittgensteiner Raum.

Literatur: siehe diejenige zum Tafelklavier Schiedmayer & Söhne # 9731.


[1] zitiert aus: C. A. Andrè, Der Klavierbau, Offenbach am Main, 1855, zur Industrie-Ausstellung zu München