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Christoph Dohr

aktualisiert
Montag, 04.10.2021 8:48

Die Werkstätten für historische Tasteninstrumente J. C. Neupert und die Sammlung Dohr

Einführung

Eng verbunden mit dem Aufbau der Sammlung Dohr ist mein Kontakt zu den Werkstätten für historische Tasteninstrumente, J.C. Neupert, hier insbesondere mit dem letzten den Namen „Neupert“ tragenden Geschäftsführer der Firma, Wolf-Dieter Neupert (*31.05.1937).

Auf der Internationalen Musikmesse in Frankfurt am Main 1998 keimte der Gedanke, den häuslichen Stutzflügel um ein Spinett zu ergänzen. Ich pendelte mehrere Tage zwischen dem Stand der unter seinen Nachfolgern in Auflösung befindlichen Werkstatt von Martin Sassmann und dem Stand von Neupert, ließ mich schließlich durch die fachliche Kompetenz von Wolf-Dieter Neupert als ausübender Musiker (diese Dimension fehlte bei den Sassmann-Nachfolgern vollständig) überzeugen und gab den Bau des ersten Instrumentes der Sammlung Dohr in Auftrag: eine Kopie von J. C. Neupert nach dem Spinett von Johann Heinrich Silbermann (1767).

Im Folgejahr war ich in einigen Fällen für JCN als Zwischenhändler tätig. Mittlerweile tut es mir längst leid, diese Instrumente nicht selbst behalten und in die Sammlung aufgenommen zu haben. Immerhin gab ich ein Clavichord Modell „Salzburg“ von Kurt Wittmayer, das ich nahe Aschaffenburg erwerben konnte, so gewinnbringend in Zahlung, dass der Differenzbetrag zu einem „richtigen“ Clavichord, nämlich der Kopie von J. C. Neupert nach dem Clavichord von Wilhelm Heinrich Baethmann (Hannover 1799) erträglicher wurde.

Flügel, Spinett, Clavichord – die Bestückung der Wohnräume eines gutsituierten Musikers im 20. Jahrhundert. Noch längst keine Sammlung, sondern dem täglichen persönlichen Musizieren dienend. Der eigentliche Start einer „Sammlung Dohr“ begann im Sommer 2000, als ein Tafelklavier aus dem Voreigentum von Dr. Grete Wehmeyer (Köln) bei Neupert in Kommission zum Verkauf stand. Oder im Herbst 2000, als der erste (und bis heute einer der schönsten) Hammerflügel erworben werden konnte, das unikate Instrument von Christian Erdmann Ranke (Ringe 1825).

„Einschneidend“ für die Entwicklung der Sammlung Dohr war der Erwerb eines denkmalgeschützten Restbauernhofes im Frühjahr 2005 im Bergheimer Vorort Ahe. Der ehem. Ortsbürgermeister und Ehrenbürger der Stadt Bergheim, Nachbar Peter Giesen, war Assistent bei der Namensvergabe, machte er mich doch mit der Geschichte des Hofes bekannt, der fortan als „Haus Eller“ firmierte. Christian Eller war zwischen den Weltkriegen selbst Ortsbürgermeister von Ahe gewesen und hatte Gutes für Ahe getan – u.a. den Bau der heute noch bestehenden Pfarrkirche St. Michael initiiert. Im Mai 2005 zog die Sammlung Dohr mit 22 Instrumenten in „Haus Eller“ ein.

Die bis dato aus zunehmendem Platzmangel verstreut untergebrachten Instrumente (einiges lagerte bei Neupert, anderes bei guten Freunden, Geschäftspartnern …) konnte erstmals zusammengezogen werden. An die Öffentlichkeit ging die Sammlung Dohr erstmals am „Tag des Offenen Denkmals“ am zweiten September-Sonntag 2005.

Die 2000er-Jahre waren der Höhepunkt der Zusammenarbeit mit J. C. Neupert: Die fachliche Kompetenz und die handwerkliche Qualität der Arbeiten bei J. C. Neupert überzeugten mich, und es kam zu einer guten Zusammenarbeit und einem nunmehr über zwei Jahrzehnten andauernden Kontakt insbesondere mit dem - mittlerweile - Senior im Betrieb, Wolf-Dieter Neupert.

Die Bilanz: Insgesamt vier Instrumente wurden neu bei JCN erworben (zuletzt 2019 ein Cembalo nach Antunes), weitere sechs (demnächst sieben) Neupert-Instrumente wurden gebraucht im Markt gekauft. Drei historische Instrumente wurden bei JCN als Händler erworben (zuletzt 2019 ein Hammerspinet von Steen Nielsen). Besondere Bedeutung erhielt die Werkstatt Neupert allerdings durch 14 Restaurierungen und Generalüberholungen von Instrumenten der Sammlung Dohr in den Jahren 2001 bis 2010. Die nachfolgende Liste verschafft hierüber einen Überblick.

Als im Jahr 2001 der erste Konzertflügel (von Theodor Stöcker, Berlin) von J. C. Neupert fertig restauriert war, bot es sich an, ein Tonstudio mit einem qualifizierten Tonmeister in der Nähe der Manufaktur für die Produktionen zu wählen. Wolf-Dieter Neupert vermittelte den Kontakt zu Egino Klepper (alias Hieronymus Cavalli; 1949-2007). Klepper war selbst Fachmann für das Spiel auf historischen Tasteninstrumenten und passionierter „Aufnehmer“ und Produzent mit eigenem Label. Bis zu seinem überraschenden, plötzlichen Tod am 11. September 2007 entstanden im „Cavalli-Studio“ Bamberg in rascher Folge rund ein Dutzend CDs, viele davon auf Instrumenten der Sammlung Dohr. Danach nahm das Label des Verlages Dohr viele weitere CDs mit Gerald Steuler (Tonstudio an der Tonhalle Düsseldorf, Christoph Münstermann), Georg Bongartz und Rüdiger Blömer auf.

im April 2021
Christoph Dohr

Bestand an Neupert-Instrumenten

a) Folgende Instrumente aus der Werkstatt von J. C. Neupert wurden für die Sammlung Dohr gebraucht von privat erworben:

  • 1933 | Cembalo Modell D4 "Dulcken" # 15688
    Beschreibung: siehe I183
  • 1933 | Spinett Modell S1 "Silbermann" # 15860
    Beschreibung: siehe I150
  • 1936 | Spinett Modell S0 "Silbermann" # 16227
    Beschreibung: siehe I056
  • 1942 | Cembalo einmanualig Modell "Telemann" # 17264
    Beschreibung: siehe I136
  • 1952 | Cembalo zweimanualig Modell "Vivaldi" # 17896
    Beschreibung: siehe I153 [Abgang Juni 2021]
  • 1956 | Cembalo zweimanualig Modell "Cristofori" # 18786
    Beschreibung: siehe I064
  • 1962 | "Cembalino" # 20537
    Beschreibung: siehe I026

b) Folgende Instrumente wurden bei J.C. Neupert für die Sammlung Dohr in Auftrag gegeben und erworben:

  • 1998 | Spinett. Kopie nach Johann Heinrich Silbermann (1767) # 31076
    Beschreibung: siehe I001
  • 1999 | Clavichord. Kopie nach Baethmann (1799) # 31208
    Beschreibung: siehe I002
  • 2007 | Hammerflügel. Kopie nach Johann Jakob Könnicke (1796), # 31466
    Beschreibung: siehe I036
  • 2018 | Cembalo einmanualig. Kopie nach Joaquim Jozé Antunes (Lissabon 1758), # 31753
    Beschreibung: siehe I140

 

Folgende historische Instrumente wurden bei J. C. Neupert erworben:

  • 1786 | Sébastien Erard (Paris): Tafelklavier.
    Beschreibung: siehe I003
  • 1771 Johannes Zumpe / Gabriel Buntebart (London): Tafelklavier
    Beschreibung: siehe I008
  • 1970 | Steen Nielsen (Kopenhagen/Dänemark): Hammerspinet (Luxus-Ausführung) #70101
    Beschreibung: siehe I137

 

Restaurierungen von J. C. Neupert

Folgende Tasteninstrumente wurden bei J. C. Neupert restauriert bzw. generalüberholt (*Datum des Erwerbs des zuvor von J. C. Neupert restaurierten Instrumentes):

2001

  • 1868 (ca.) | Theodor Stöcker (Berlin): Konzertflügel #944
    Beschreibung: siehe I006
  • *1771 | Johannes Zumpe & Gabriel Buntebart (London): Tafelklavier o. Nr.
    Beschreibung: siehe I008

2002

  • 1825 (ca.) | Christian Erdmann Rancke (Riga): Hammerflügel
    Beschreibung: siehe I004

2003

  • 1830 (ca.) | Joseph Baumgartner (München): Hammerflügel
    Beschreibung: siehe I011
  • 1861 | Johann Baptist Streicher & Sohn (Wien): Konzertflügel #5886
    Beschreibung: siehe I020

2005

  • 1962 | J. C. Neupert (Nürnberg/Bamberg): Cembalino # 20537
    Beschreibung: siehe I026

2006

  • *1786 | Sébastien Erard (Paris): Tafelklavier.
    Beschreibung: siehe I003
  • 1961 | Klaus Senftleben (Buxtehude): Klein-Cembalo # 61 12 88
    Beschreibung: siehe I010
  • 1932 | Maendler-Schramm (München): Tischspinett #318
    Beschreibung: siehe I007
  • 1931 | Maendler-Schramm (München): Konzertcembalo #251
    Beschreibung: siehe I023

2007

  • 1865 | John Broadwood & Sons (London): Short Drawing Room Grand #2266/11131
    Beschreibung: siehe I014
  • 1750/1770 | Clavichord anonym o. Nr. (süddeutsch)
    Beschreibung: siehe I032

2008

  • *1830 | Anton Biber: Hammerflügel o. Nr.
    Beschreibung: siehe I044

2009

  • 1967 | Kurt Hutzelmann (Eisenberg/Thüringen): Kleincembalo #1733
    Beschreibung: siehe I038

2010

  • 1952 | Gebr. Ammer (Eisenberg): einmanualiges Cembalo "Ruckers" #743
    Beschreibung: siehe I043

 

CD-Einspielungen

Auf folgenden Instrumenten, die von J. C. Neupert gebaut oder restauriert wurden, hat das Label des Verlag Dohr Köln CD-Produktionen eingespielt:

1868 (ca.) | Theodor Stöcker (Berlin): Konzertflügel #944
Beschreibung: siehe I006

1825 (ca.) | Christian Erdmann Rancke (Riga): Hammerflügel
Beschreibung: siehe I004

1861 | Johann Baptist Streicher & Sohn (Wien): Konzertflügel #5886
Beschreibung: siehe I020

1865 | John Broadwood & Sons (London): Short Drawing Room Grand #2266/11131
Beschreibung: siehe I014

1999 | Clavichord. Kopie nach Baethmann (1799) # 31208
Beschreibung: siehe I002

2007 | Hammerflügel. Kopie nach Johann Jakob Könnicke (1796), # 31466
Beschreibung: siehe I036

 

J.C. Neupert: Rastenbauweise versus historische Kopie

Vielleicht noch ein "Exkurs" oder "Epilog" als eigenes Kapitel. J. C. Neupert ist wohl die einzige Manufaktur weltweit, die immer noch historische Tasteninstrumente in "Rastenbauweise" neu herstellt und erfolgreich verkauft. Nicht mehr als Schwerpunkt des Geschäftsbetriebes (das sind sukzessive seit 1970 und anno 2021 fast ausschließlich Kopien nach historischen Originalen), erst recht nicht mehr in den Stückzahlen wie in der Mitte des 20. Jahrhunderts, aber als bedeutende Ergänzung des Portfolio.

Und kaum eine andere Manufaktur wird online (in den social media) wie auch offline unter Musiker- und Instrumentenbauer-Kollegen derart gescholten wie J.C. Neupert ob dieser ach so "unhistorischen Bauweise".

Wie üblich, ist die "Wahrheit" erheblich differenzierter.

J.C. Neupert, gegründet als Klavierhersteller 1868, gehörte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den Pionieren auf dem Sektor "historische Tasteninstrumente". Nur wenige Klavierhersteller (Pleyel, Erard, Arnold Dolmetsch als Abteilungsleiter bei Chickering) hatten zuvor erste Erfahrungen mit dem Wieder-Neubau historischer Tasteninstrumente gesammelt. Das geschah im Wettbewerb und im ständigen Kontakt mit Interpreten (Liebhaber, Profis, Laien). Vielleicht war Arnold Dolmetsch bei Chickering der erste, der im Klavierbauer-Umfeld wieder den Blick auf die Originale, deren Bauweise, auf den Zusammenhang zwischen baulichen Spezifika und klanglichen sowie spieltechnischen Eigenschaften legte. Chickering ist dann kein bedeutender Hersteller von Kopien historischer Tasteninstrumente geworden, und Arnold Dolmetsch kehrte nach Europa zurück.

Am Anfang - das war zur Pariser Weltausstellung 1889 - entschied ein Wettbewerb gegen (!) die historische Bauweise, die Kopiatur von Originalen. Der "Markt" (Musiker, Käufer) tendierte eindeutig zum "modernisierten Kielinstrument": Klanganregung mittels Kiel; Übernahme der grundlegenden Funktionen von Spiel- und Registermechanik. Aber "Kreuzung" dieser Parameter mit den Errungenschaften des Instrumentenbaus: verwindungssteife und statisch sichere Rastenkonstruktion, ggf. sogar einen Gussrahmen, Pedalschaltung. Insbesondere die Pedalschaltung ist den heutigen "Jüngern" ein besonders verwerfliches Greuel von "Fehlentwicklung" und "fehlgeleiteten Instrumentenbauern". Ja, wenn fehlgeleitet, dann durch die Wünsche der damaligen Interpret*innen. So kam Wanda Landowska, eine der führenden Protagonisten des konzertanten Cembalospiels, vom Klavierspiel und designte sich bei Pleyel "Ihr" persönliches Konzertcembalo, das bei Pleyel fortan in Serie ging. Von der Disposition und wohl auch von den Mensuren her orientierte sie sich an einem historischen Original. Für den Bereich "Ergonimie des Arbeitsplatzes" wünschte sich die Interpretin Standards des Klavierbaus. Das Konzertcembalo Modell Wanda Landowska hatte Klaviaturen mit den Abmessungen eines Konzertflügels. Es hat einen Anschlag deutlich dem eines Konzertflügels entsprechend. Und schließlich wollte Landowska effektvoll registrieren und dabei die Hände nicht von den Tasten nehmen. Die Adaption der vom Klavierbau bekannten Pedalschaltung in den zeitgenössischen Cembalobau lag nahe. Verwerflich? Was Wanda Landowska nicht tat, war die Einführung neuer Klangeffekte, etwa der klaviermäßigen Dämpfungsaushebung mittels Pedal.

[wird fortgesetzt]

DohrCompactDiscs, eingespielt
auf Instrumenten des Pianomuseums